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Schwarzbuch-LIDL.blog

Bernd Steinmann schrieb am Donnerstag 30. Juni 2005 zum Thema SCHWARZMARKT:

Kampf um den letzten Cent - Schwarz-Konzern steht unter Beobachtung • Kampagne für Menschenwürde im Job

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»Every Lidl hurts«, dichtete jetzt ein britischer Journalist den Titel eines Popsongs um. Der schnelle Vormarsch des Billiganbieters mit seinen bislang 6.000 Filialen in Europa wird auch außerhalb Deutschlands kritisch begleitet. Bald erscheint eine englischsprachige Ausgabe des Schwarz- Buches Lidl der Gewerkschaft ver.di, denn was wirklich noch immer arge Schmerzen verursacht, sind die Arbeitsbedingungen im weiter wild wachsenden Handelsimperium des schwäbischen Unternehmers Dieter Schwarz (65). Das auf willkürlichen Kontrollen und enormer Arbeitshetze gebaute System der Angst wirkt fort; allerdings haben die begründeten ver.di-Vorwürfe einige Änderungen bewirkt.

Aufhorchen lässt ein Insiderbericht, wonach die Neckarsulmer Zentrale des Schwarz-Konzerns alle Verkaufsleiter bei einem Treffen in Fulda auf mehr Freundlichkeit eingeschworen hat: Insbesondere die älteren Beschäftigten dürften nicht mehr so hart angefasst werden und die Arbeitsstunden seien stets korrekt zu erfassen, lautete die Botschaft an die über 500 Verkaufsleiter, die jeweils fünf bis sechs Läden »im Griff« haben. Oder auch nicht. Denn die Quadratur des Kreises gelingt selbst einem so erfolgreichen Unternehmen wie Lidl (geplanter Konzernumsatz inkl. Kaufland: 40 Mrd. Euro) nicht: Faire Behandlung passt nicht zu personeller Unterbesetzung und superharten Produktivitätsvorgaben.

Die »Krawattenträger« (OTon einer Kassiererin) haben noch immer dafür zu sorgen, dass mit einem minimalen Stundeneinsatz maximale Umsätze eingefahren werden. Daran werden sie gemessen. Und die Verkäuferinnen hetzen sich nach wie vor ab, um mindestens 40 Warenscanns pro Minute zu schaffen und die »2+1-Regel« einzuhalten: Wenn sich ein dritter Kunde anstellt, muss eine neue Kasse besetzt werden. Kann dies nicht eingehalten werden, was sehr oft der Fall ist, drohen arbeitsrechtliche Konsequenzen. Das gilt auch, wenn die neuen Waren nicht schnell genug verräumt sind oder aufgrund übertrieben strenger Sauberkeitskriterien Mängel angemahnt werden (siehe »Zahnbürsten- Affäre«).

Das Instrumentarium, um unbequeme oder zu alte oder zu teure MitarbeiterInnen loszuwerden, ist unverändert weit gefächert. Allerdings ist das Vorgehen einiger Vorgesetzter etwas dezenter geworden. Auch die Stunden werden offenbar korrekter erfasst, wenngleich noch immer Pausen- und Arbeitszeiten unter den Tisch fallen.

Dem Konzern ist bewusst, dass er unter ständiger Beobachtung steht. Dennoch steht Lidls Freundlichkeitsoffensive nach außen weiter in krassem Gegensatz zum täglichen Horror für viele Beschäftigte. »Der Druck ist immer noch der gleiche«, gab Anfang Juni eine Zeugin aus dem Schwarz- Buch Lidl zu Protokoll. »Wenn zu viele Stunden verbraucht werden, tobt der VL.« Eine andere Verkäuferin berichtet, dass »Toilettenpausen« von der Arbeitszeit abgezogen werden sollen.

Ähnliche Aussagen gibt es aus allen Landesteilen. ver.di besteht deshalb in ihrer Lidl-Kampagne darauf, dass nicht nur konjunkturell leichte Verbesserungen, sondern dauerhaft menschenwürdige Arbeitsbedingungen durchgesetzt werden müssen. Ohne Betriebsräte, gegen deren Wahl sich der Schwarz-Konzern weiterhin sträubt, ist das nicht möglich.

Unterdessen ist die Lidl-Debatte um weitere Aspekte angereichert worden. Eingeschaltet haben sich die Globalisierungskritiker von Attac. Sie befassen sich damit, wie Lidl und andere Konzerne »im Kampf um den letzten Cent« gerade auch in den Ländern des Südens soziale und ökologische Perspektiven untergraben. Das Beispiel des aus Brasilien stammenden Orangensaftes, der unter miesesten Arbeitsbedingungen und bei extrem schlechter Bezahlung auf den Plantagen (0,025 Cent pro Liter) hergestellt wird, haben Expertinnen der Nichtregierungsorganisation Weed in einer neuen Untersuchung (siehe Artikel „Global“) aufgegriffen.

Auf kommunaler Ebene haben die Enthüllungen im ersten »Schwarz-Markt«, dass Lidl Lagerflächen ohne Genehmigung zu Verkaufsflächen umwidmet, für Furore gesorgt. Gleichzeitig haben Milchbauern mit Blockaden, die auch Lidl-Läger betrafen, das erpresserische Verhalten gegenüber Zulieferern problematisiert.

ver.di schmiedet Bündnisse, gerade weil Lidls »Kampf um den letzten Cent« nicht nur auf Kosten der Beschäftigten geht. Die Chancen stehen gut für den Ausbau von Netzwerken der Solidarität für Menschenwürde im Job.
ANDREAS HAMANN

URL des Textes: http://www.verdi-blog.de/lidl/6/viewentry/567