Die Aufrechten von Tegernsee - »David gegen Goliath«: Bewohner verhindern per Bürgerentscheid die Ansiedlung eines Lidl-Marktes
Ein klassischer Kampf »David gegen Goliath« hat sich Anfang des Jahres im bayerischen Städtchen Tegernsee abgespielt: BewohnerInnen des Touristenortes wehrten per Bürgerentscheid die Ansiedlung eines Lidl-Marktes ab. Die guten Argumente der Bürgerinitiative setzten sich bei der Abstimmung am 10. April gegen eine groß angelegte Anzeigenkampagne des Discounter-Riesen durch.
Eigentlich waren sich in Tegernsee BürgerInnen, Gewerbetreibende und PolitikerInnen einig, dass das seit mehr als zehn Jahren brach liegende Gelände der früheren Hotelfachschule einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden sollte. Als jedoch Lidl 2,5 Millionen Euro für das Grundstück bot, waren Bürgermeister und Stadträte schnell bereit, den Bebauungsplan für eine Discounter-Ansiedlung zu ändern.
»Den Politikern ging es um den Verkaufserlös, der für fragwürdige Investitionsprojekte eingesetzt werden sollte«, sagt Max Stühler von der Bürgerinitiative gegen die Lidl-Ansiedlung. So habe die Verwaltung ein Schwimmbadprojekt für mehr als 5 Millionen Euro geplant. Wenig plausible Antworten kamen aus dem Rathaus auf die Frage nach Sinn und Nutzen einer Lidl-Ansiedlung in Tegernsee. Angesichts eines vorhandenen Discounters (Plus) und eines im November 2004 eröffneten Edeka-Supermarktes hätte sich auch schwerlich die von Lidl konstatierte »Versorgungslücke « untermauern lassen.
Die Bürgerinitiative und ihre AnhängerInnen machten eine nüchterne Rechnung auf: »Ein Lidl-Arbeitsplatz kostet drei Arbeitsplätze im Fachhandel«, stellte Brigitte Jennerwein, die Vorsitzende des Gmunder Gewerbeverbandes, fest. Auch über die Qualität der Lidl- Arbeitsplätze dürfe sich niemand Illusionen machen, betonten die Vertreter der Bürgerinitiative und wiesen auf ihrer Homepage (www.kein-lidl-in-tegernsee.de) auf das »Schwarz-Buch Lidl« sowie ver.dis weblog zu Lidl hin.
Dass zudem ein Gebäude im Lidl-Stil nicht ins Ortsbild einer vom Fremdenverkehr abhängigen Stadt passt, dass die Ansiedlung des Discounters erhebliche Verkehrsprobleme produziert hätte und sich die Stadt die Chance zur Entwicklung des letzten größeren Grundstücks genommen hätte dies alles machten die Gegner der Lidl- Ansiedlung vor dem Bürgerentscheid bekannt.
Lidl »konterte« mit täglichen Anzeigen in der örtlichen Presse: Die Argumente beschränkten sich im Wesentlichen zwar auf Behauptungen, etwa die, dass es keine Verkehrsprobleme geben werde, dass Bedarf nach einem Discounter bestehe oder dass Lidl »krisensichere Arbeitsplätze« schaffe. Doch einen Teil der Tegernseer schien die Kampagne zu beeindrucken. Schließlich ging der Bürgerentscheid denkbar knapp aus: Mit 51,48 Prozent setzten sich die Lidl-Gegner durch. »Leider sind wir damit nicht am Ende«, sagt Max Stühler. Beim Bürgerentscheid wurde formal über den Erhalt des alten Bebauungsplans der die Ansiedlung einer Hotelfachschule vorsieht abgestimmt; somit müsste die Stadt nun entsprechende Investoren finden. »Oder aber Politiker und Bürger suchen gemeinsam nach sinnvollen Entwicklungsmöglichkeiten für das Gelände«, so Stühler. Bisher machten Bürgermeister und Stadtrat keine Anstalten, auf potentielle andere Investoren zuzugehen. So besteht weiter die Gefahr, dass Lidl nach einem Jahr doch zum Zuge kommen könnte, sofern innerhalb dieser Frist kein anderer Investor den Zuschlag erhält. »Wir machen auf jeden Fall weiter«, sagt Stühler. Aus dem Kern der Bürgerinitiative heraus soll sich ein Kreis interessierter Tegernseer zusammenschließen, der Ideen zur weiteren Vorgehensweise entwickeln wird.
GG








