Im übrigen, gegen Lidl wird doch ermittelt - Eine Georg Dengler Story
Georg Dengler lehnte sich mit dem Rücken gegen die Bar und fühlte sich einsam. Der Sommer war endlich in die Stadt eingezogen, die Hitze staute sich im Talkessel und trieb die Menschen ins Freie. Die Tische vor dem »Basta« waren alle besetzt, aber an der Bar, an der bei normalem Wetter Männer und Frauen eng beieinander standen, war Dengler der einzige Gast.
Wo bleibt Mario?
An dem großen Quertisch im vorderen Teil saßen vier Männer in grauen Anzügen, die aussahen, als seien sie von der gleichen Stange gekauft. Alle hatten die Haare so kurz geschoren, als wollten sie sich an einem Casting für einen Sträflingsfilm beteiligen. Sie trugen eckige, kleine Brillen. Wahrscheinlich, so dachte Georg Dengler, wollten sie ihren Milchgesichtern einen gefährlicheren Eindruck verpassen.
Dengler hätte dieser Gruppe keine Beachtung geschenkt, wenn nicht mitten unter ihnen, an der Längsseite des Tisches, eine Frau von außerordentlicher Schönheit gesessen hätte. Sie hatte ein lebendiges Gesicht, eine kleine Nase, die in einem bezaubernden Bogen himmelwärts zeigte. Hin und wieder strich sie sich mit einer energischen Geste das blonde Haar aus dem Gesicht. Sie trug ein schlichtes hellbraunes Kostüm aus gutem, leichten Stoff. Sie lächelte hin und wieder und strich dann das blonde Haar mit einem solchen Ruck zurück, als könne sie damit die vier Anzugträger los werden.
Er sah auf die Uhr.
Wo Mario nur bleibt?
Er hatte sich mit Mario um halb neun im »Basta« verabredet, und sein Freund war nun schon vierzig Minuten überfällig.
Er ist doch sonst die Pünktlichkeit in Person.
Mario war Georg Denglers bester Freund. Sie waren zusammen in Altglashütten aufgewachsen, einem kleinen Ort im Schwarzwald. Denglers Vater war früh gestorben, Marios Mutter hatte nie geheiratet und sie hatte ihrem Sohn nie verraten, wer sein Vater war. »Ein schöner Italiener «, sagt sie lachend. Mehr nie. Nachdem Dengler seinen Job beim Bundeskriminalamt gekündigt hatte, war er nach Stuttgart gezogen, und dort hatten sich die beiden Freunde wieder getroffen. Dengler eröffnete im Bohnenviertel, direkt über dem »Basta«, ein Büro als privater Ermittler. Mario war Künstler.
In gewisser Weise war Mario Künstler und Lebenskünstler zugleich. Hin und wieder verkaufte er eines seiner großflächigen, in einer Orgie aus Rot-Gelb-Blau gehaltenen Bilder, aber seinen Lebensunterhalt verdient er mit dem »St. Amour«. So nannte er das Einzimmer- Restaurant, das er in seinem Wohnzimmer betrieb. Für siebzig Euro pro Person kochte er die erlesensten Menüs, die in Stuttgart zu bekommen waren. Sein Wohnzimmerrestaurant galt als Insidertipp der Künstlerszene. Doch in den letzten beiden Monaten waren die Buchungen zurückgegangen, das Geld wurde knapp und Mario nahm eine Arbeit in einem Lidl- Markt an. Nach Arbeitsschluss hatten sie sich im »Basta« verabredet, doch Mario war immer noch nicht erschienen.
Georg Denglers Blick wanderte zurück an den Tisch mit der blonden Frau. Sie redete auf die vier Männer ein, aber Dengler konnte sie nicht verstehen. Zu seiner Ausbildung als Zielfahnder beim Bundeskriminalamt hatte auch Lippenlesen gehört. Er versuchte es, aber die Frau saß in einem ungünstigen Winkel: Er sah ihre Lippen nur von der Seite. Doch ein Wort identifizierte er exakt: Prozess. Sie sprachen über einen Prozess. Das Gerichtsviertel lag gegenüber. Von dort musste sich die Gruppe in das anrüchige Bohnenviertel verirrt haben.
Ob Mario unsere Verabredung vergessen hat?
Der kahlköpfige Kellner sah ihn an, und Dengler nickte. Er goss Georg ein neues Glas Grauburgunder ein und stellte es vor ihn auf den Tresen.
»Georg, es ist eine solche Schweinerei«.
Mario polterte in die Bar.
Sein Gesicht war grau, seine Jeans und das T-Shirt völlig staubig. Er stellte sich schwer atmend neben Dengler und der kahlköpfige Kellner brachte auch ihm ein Glas frischen Grauburgunder.
In diesem Augenblick sah die blonde Frau zu ihnen hinüber, und Georg Dengler blickte in die strahlendsten blauen Augen die er je gesehen hatte.
»Diese Schweine«, sagte Mario laut und trank einen Schluck Wein. »Vorsicht, es ist eine Staatsanwältin «, sagte der Kellner leise zu Dengler.
»Weißt du, was sie gemacht haben?«, fragte Mario.
Dengler schüttelte den Kopf. »Sie haben uns nach der Arbeit abgefangen. Regelrecht aufgelauert.«
»Wer? Neonazis?«
»Quatsch. Der Verkaufsleiter, der Bezirksleiter und einer seiner Adjutanten. Ich musste meine Tasche ausleeren. «
Er zeigte auf die Jutetasche, die er um die Schulter trug.
»Und eine Kollegin musste ihr Auto ausräumen. Als wären wir Schwerverbrecher.«
Aus den Augenwinkeln sah Dengler, dass die vier Männer an dem großen Tisch bezahlten.
Mario sagte: »Dabei betrügen die uns ohnehin schon. Überleg mal: Um 20 Uhr wird der Laden abgeschlossen, danach wird der Markt geputzt, die Kassen werden abgerechnet, Sonderartikel für den Folgetag gerichtet. Dafür bekommen wir eine halbe Stunde Vergütung. Diese Zeit hat aber noch nie gereicht, seit ich dort arbeite. Gibt es dann eine größere Differenz beim Abrechnen oder ist die Alarmanlage kaputt, dann sind wir auch schon mal bis 21.30 Uhr im Laden oder auch bis um 22 Uhr. Ohne je einen Cent dafür zu sehen.«
Mario redete sich in Rage. Am großen Tisch standen die vier Männer und die schöne Staatsanwältin auf.
»Das gleiche Spiel läuft morgens vor Ladenöffnung«, sagte Mario, »Wenn der Laden um halb neun öffnet, beginnt die bezahlte Arbeitszeit um 7.30 Uhr. Aber niemand schafft das in der Zeit: Obst und Gemüse fertig machen und die Backwaren. Die meisten sind schon zwischen sechs und halb sieben im Laden. Unbezahlt. Und dann kontrollieren sie uns wie Sträflinge.«
Die vier grauen Anzüge gingen an ihnen vorbei zur Ausgangstür. Die blonde Frau strich die Haare aus dem Gesicht und folgte ihnen. Als sie auf gleicher Höhe mit ihnen war, sah Dengler ein zweites Mal direkt in diese zauberhaften blauen Augen.
Wenn sie jetzt an uns vorbei geht, sehe ich sie nie wieder.
»Erzähl das doch alles mal der Frau Staatsanwältin«, sagte er zu Mario.
Der schoss herum.
»Wer ist hier eine Staatsanwältin«, fragte er laut.
»Ich«, sagte die Frau und wollte an ihm vorbei.
»Das ist gut«, sagte Mario, »das ist verdammt gut.«
Er beugte sich zu ihr vor und erzählte ihr seine Geschichte. Dengler gab dem kahlköpfigen Kellner ein Zeichen und der schenkte drei Gläser Grauburgunder ein. Es wurde ein netter Abend. Es sei klar: Niemand dürfe ohne seine Zustimmung von Vorgesetzten durchsucht werden, auch nicht der persönliche PKW, erklärte ihnen die Staatsanwältin. Aber sie sei nicht zuständig für Marios Ärger mit seinen Vorgesetzten, es läge kein öffentliches Interesse vor. Was man tun müsse, damit die Staatsanwaltschaft eingreife, fragte Mario. Ich benötige einen begründeten Anfangsverdacht, dass eine Straftat begangen wurde, sagte sie.
»Und Diebstahl«, schrie Mario, »und Freiheitsberaubung und was noch alles wo sonst noch mit uns machen«. Doch Dengler verlor sich in diesem maritimen Blick. Immerhin kannte er nun ihren Namen: Maria Gerlach.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Dengler frühstückte mit Mario in der Espressobar. »Du bist doch Schnüffler «, sagte Mario, »kannst du nicht einen begründeten Anfangsverdacht beschaffen?«
»Daran habe ich auch schon gedacht «, sagte Dengler und sah Maria Gerlachs himmelblaue Augen vor sich.
Am Montagabend stand er vor der Filiale in der Stuttgarter Innenstadt. Die Angestellten waren gegen 21 Uhr nach Hause gegangen. Nur der Filialleiter räumte noch eine Stunde im Laden. Als er den Markt kurz nach zehn Uhr abschloss, sprach Georg Dengler ihn an.
»Ich bin von einer Managementagentur. Wir suchen Führungskräfte aus dem Einzelhandel. Darf ich Sie zu einem Glas Wein einladen?«
Kurz danach saßen sie im »Vetter«. Dengler bestellte zwei Grauburgunder. Er bat den Mann von seiner jetzigen Tätigkeit zu erzählen. Es war, als habe er mit einer Nadel in einen mit Wasser gefüllten Luftballon gepickt.
»Ich würde diese Firma sofort verlassen «, sagte er. Dann erzählte er: »Ich habe vor zwei Jahren mein Studium der BWL abgeschlossen und bin bei meiner Stellensuche bei dieser Firma gelandet. Auf meine Bewerbung als Führungsnachwuchskraft wurde ich zu einem Gespräch in die Vertriebsgesellschaft in Alzenau eingeladen. Gruppengespräch mit acht Bewerbern! Wir wurden mit den Regeln der Firma bekannt gemacht. Mitarbeiter klauen mehr als Kunden. Wir wurden angewiesen, die Taschen und Jacken der Mitarbeiter zu kontrollieren, die PKWs zu durchsuchen und unangemeldete Hausbesuche zu machen und nach Waren der Firma Ausschau zu halten. Falls es dabei zu Problemen käme, würden die Mitarbeiter in eine andere, räumlich sehr weit entfernte Filiale versetzt. Testkäufe bei Mitarbeitern und Abendkontrollen, bei denen man sich hinter einer Hecke versteckt und auf die eigenen Mitarbeiter wartet, wurden angeordnet. Bei der Personalauswahl seien insbesondere alleinerziehende Mütter vorzuziehen, weil diese aufgrund ihrer Lebenssituation keine Anreize hätten, sich gegen unbequeme Anordnungen zu wehren«.
Der Mann schwieg erschöpft. Georg Dengler klopfte ihm auf die Schulter und bezahlte den Wein. »Das ist alles sehr schlimm, aber es ist kein dringender Tatverdacht für welche Straftat«, sagte Maria Gerlach, der Dengler diese Geschichte am nächsten Tag erzählte. Mit der schon fast vertrauten Geste strich sie sich das Haar aus dem Gesicht.
»Und... reicht es für ein Abendessen «, fragte er. Sie sah ihn an und lächelte.
Georg Dengler hörte sein Herz rumoren.
»Ja, dafür reicht es«, sagte sie, und sein Herz beruhigte sich sofort.
Am Abend zeigte Mario ihm die Bilder, die er mit seiner Digitalkamera im Laden gemacht hatte. »Die haben nachts den Laden erweitert«, sagte er. Auf den Bildern sah man einen Mauerdurchbruch. Ein angrenzender Raum war in Ladenfläche verwandelt worden. »Ich kümmere mich drum«, sagte Dengler. Am nächsten Tag überprüfte er die Baugenehmigung. Der Markt durfte zum Schutz der anderen Einzelhändler nicht mehr als 699 qm groß sein. Nach dem Umbau würde er auf mehr als 800 qm kommen. Dengler steckte die Bilder in einen Umschlag und schickte sie zu Maria Gerlach.
Es wurde ein schöner Abend. Die Hitze hatte die Stadt noch nicht verlassen und sie hatten auf der Terrasse des »Vinum« am Literaturhaus vorzüglich gegessen. Dann brachte Georg Dengler Maria nach Hause. »Danke für den schönen Abend«, sagte sie nach dem ersten Kuss und wandte sich zur Haustür. Dann kam sie zurück, küsste ihn erneut und flüsterte ihm ins Ohr: »Im übrigen, gegen Lidl wird doch ermittelt. Und jetzt komm mit«.
WOLFGANG SCHORLAU
Die Geschichte und die handelnden Personen sind frei erfunden. Die Dialogpassagen von Mario und dem Marktleiter sind jedoch Originalzitate aus E-Mails von Lidl-Beschäftigten als Reaktion auf das Schwarz-Buch Lidl. Die illegale Erweiterung des Lidl- Marktes bezieht sich auf mehrere bekannt gewordene Fälle in Herne (WAZ 20.1.2005).








