Donnerstag 30. Dezember 2004
zum Thema ERFAHRUNGSBERICHTE
„Ich bin seit drei Jahren Filialleiter bei Lidl, und freue mich sehr, dass die Vorgehensweisen endlich öffentlich gemacht werden. Ich habe im Fernsehbericht zum ersten mal gehört dass es einen neuen Chef gibt. Dieses ist nie öffentlich gemacht worden.“
Aus Zuschrift an ver.di vom 9. Dezember 2004
„Ich bin seit 1. Dezember 2003 (wieder) bei der Fa. Lidl in X beschäftigt. Ich habe als 400¤ Kraft angefangen und bin jetzt als stellvertretender Filialverantwortlicher im Einsatz. Ich war bereits vor ca. zehn Jahren bei Lidl als Verkaufsstellenverwalter in X tätig. Derzeit stehe ich bei Lidl auf der ‚Abschussliste’, da ich im Umgang mit Mitarbeitern ein eher ‚sozialer’ Mensch bin und auch immer bemüht bin gerecht zu sein.“
Aus Zuschrift an ver.di vom 15. Dezember 2004
„Mit sehr großem Interesse habe ich von dem Schwarzbuch gehört und die Berichterstattung verfolgt. Ich kann voll und ganz alles bestätigen, was veröffentlicht wurde und in unserem Fall (04./1999) war alles noch viel schlimmer. Meine ausführliche Beschreibung hatte ich bereits bei ver.di eingereicht.“
Aus Zuschrift vom 12. Dezember 2004
„Ich gehöre ihrer Gewerkschaft leider noch nicht an, doch möchte ich gerne erzählen, wie es mir während meiner Zeit bei Lidl ergangen ist. Ich war zwei Jahre als Filialleiter beschäftigt. Während dieser Zeit habe ich viele der in der Presse zitierten Dinge ertragen bzw. auch unterstützen müssen. Ich bin seit nunmehr 1,5 Jahren arbeitslos und schaffe es seit Lidl nicht mehr im Einzelhandel Fuß zu fassen.“
Aus Zuschrift vom 13. Dezember 2004
„Ich finde es echt super, dass endlich einmal die Dinge, die jeden Tag in den LIDL Filialen passieren, aufgedeckt werden! Auch ich empfinde mich als ein sogenanntes LIDL Opfer!“
Aus Zuschrift vom 13. Dezember 2004
„Ich habe das Geschehen um den Discounter Lidl, sehr aufmerksam verfolgt und hab mich entschlossen, mich auch bei Ihnen zu melden! Auch ich bin eine ehemalige Mitarbeiterin von Lidl und wurde zum 30. April 2004 aufgrund 3maliger Abmahnung wegen Testkäufen entlassen.“
Aus Zuschrift vom 13. Dezember 2004
„Mit Interesse verfolge ich die ‚Lidl‘ Berichte. Hierzu kann ich folgendes sagen: Auch ‚Kaufland‘, welches auch zu Lidl & Schwarz gehört, arbeitet mit unsozialen Praktiken.“
Aus Zuschrift vom 13. Dezember 2004
„Ich begrüße es, dass sie den Lidl-Mitarbeitern zur Seite stehen.“
Aus Zuschrift vom 13. Dezember 2004
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Dienstag 28. Dezember 2004
Bernd Steinmann zum Thema ERFAHRUNGSBERICHTE
Berlin, 28. Dezember 2004 - Weit über die Hälfte der eingegangenen Mails kommt von ehemaligen und aktiven Lidl- bzw. Kaufland-Beschäftigten, die die Aussagen des Schwarzbuches bestätigen und ergänzen. Das Gros der Rückmeldungen stammt von Verkäufer/innen sowie Filialverantwortlichen, die zum Teil sehr detailliert und plastisch ihre persönlichen Erfahrungen mit den Praktiken des Unternehmens schildern.
Auszug aus der Mail einer 43-Jährigen, die drei Jahre in einer Lidl-Filiale gearbeitet hat: "Bei der abendlichen Reinigung wurden gelegentlich Geldscheine in die Gänge gelegt, um zu sehen, ob das Personal das Geld auch abgab. Morgens befand sich öfter zu viel Wechselgeld in der Kasse, um zu kontrollieren, ob dies nach dem Zählen von der Kassiererin nicht unterschlagen wurde. (...)
Unbezahlte Überstunden waren an der Tagesordnung. Es wurde verlangt, dass man mindestens 15 Minuten vor Dienstbeginn mit der Arbeit anfing, natürlich unbezahlt. Noch vor ,Dienstbeginn' verlangte unser Filialleiter, ihm Brötchen und die Zeit zu besorgen. Pausen waren nie vollständig oder auch zusammenhängend zu bekommen."
Eine weitere Mitarbeiterin, die in der Ausbildung zur Verkaufsleiterin ist, schreibt: "Morgens fing der Tag mit Parkplatz-Saubermachen an, manchmal Fenster putzen, unter den Einkaufswagen sauber machen. Die Arbeiten sehen als Filialleiter auch nicht anders aus als die einer Verkäuferin. Einräumen, abschachteln, saubermachen und kassieren. Nach einigen Tagen ist man übersät mit blauen Flecken, ebenso hat man blutige Fingernägel und blutige Kratzer an den Armen, die man sich an den scharfen Kartons beim Einräumen und Aufschneiden holt. (...) Neben den täglichen Arbeiten, die schon mit Unterbesetzung kaum zu schaffen sind, bekommt man noch zusätzliche Aufgaben, ganze Revisionslisten, Umbauten, kaputte Regale austauschen, Kaugummiflecken vom Boden kratzen." (...)
"Allgemein bringt Lidl seinen Mitarbeitern nur Misstrauen entgegen mit ständigen Testkäufen, Taschen- und Fahrzeugkontrollen, Bonkontrollen, Kassenprüfungen, Leistungskontrollen."
Zwei von über hundert Aussagen, die immer wieder ähnliche Schikanen, Arbeitshetze und Kontrollen beschreiben. Darüber hinaus haben sich aber auch (ehemalige) Lidl-Mitarbeiter/innen an ver.di gewandt, die im mittleren Management, in der Firmenzentrale, im Bereich Logistik oder bei Zulieferern arbeiten bzw. gearbeitet haben. Sehr aufschlussreich ist auch die Zuschrift eines Mannes, der vor einiger Zeit auf seine Bewerbung als Führungsnachwuchskraft bei Lidl zu einem Vorstellungsgespräch nach Alzenau eingeladen wurde. Der Mann schreibt: "In diesem Gespräch wurden eindeutig und nicht nur sinn-, sondern auch wortgemäß seitens der Unternehmensleitung die von Ihnen erhobenen Vorwürfe als klare und strikte Arbeitsregeln der Firma Lidl geäußert. Es wurde uns Bewerbern die Frage gestellt, ,wer denn mehr in den Filialen klaue, die Kunden oder die Mitarbeiter??. Und als Maßnahmen gegen den Diebstahl durch Mitarbeiter wurde klar gesagt, wir hätten die Taschen und Jacken zu kontrollieren, die PKWs zu durchsuchen und angemeldete Hausbesuche zu machen und nach Lidl-Waren Ausschau zu halten. (...)
Bei der Personalauswahl sei insbesondere auf allein erziehende Mütter zu achten. Diese hätten aufgrund ihrer Lebenssituation ,wenige Anreize', sich gegen unbequeme Anweisungen zu richten. (...) " Der Mann zog nach dieser Erfahrung seine Bewerbung bei Lidl zurück.
Auch die Erfahrungen, die Lidl-Mitarbeiter/innen in anderen Ländern gemacht haben, decken sich in der großen Mehrzahl mit den Negativerfahrungen der deutschen Lidl-Beschäftigten.
Deutlich unter zwanzig Prozent der eingegangenen Mails stammen von zufriedenen Lidl- bzw. Kaufland-Beschäftigten. Zum Teil sind die Meinungsäußerungen dieser Gruppe sehr polemisch im Tonfall und gezielt gegen ver.di gerichtet. Es sind aber auch Zuschriften eingegangen, deren Verfasser/innen zugestehen, dass sie persönlich in einer gut funktionierenden Filiale arbeiteten, ohne die Gesamtsituation im Unternehmen beurteilen zu können.
Die Veröffentlichung des Schwarz-Buches löste zudem die Reaktion vieler Mitarbeiter/innen anderer Einzelhandelsunternehmen " von Aldi bis Netto, von Globus bis Ulla Popken " aus, die auf mit Lidl/Kaufland vergleichbare Missstände hinwiesen.
Nicht zuletzt gingen Zuschriften von Lidl- und Kaufland-Kund/innen ein, die sich in der Mehrzahl empört über die bekannt gewordenen Arbeitsbedingungen äußerten und teilweise erklärten, dass sie aufgrund der Veröffentlichung ihre Einkaufsgewohnheiten verändern würden.
Zusammenfassend lässt sich aus den Rückmeldungen der Schluss ziehen, dass im Schwarzbuch zu Recht von einem "System Lidl" gesprochen wird. Als "Einzelfälle", wie von Lidl-Chef Klaus Gehrig im Handelsblatt-Interview behauptet, lässt sich die Vielzahl der Verstöße gegen Arbeitszeit-, Pausen- und andere Bestimmungen nicht bezeichnen.
Text: Gudrun Giese
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Freitag 17. Dezember 2004
Bernd Steinmann
Interview zum Schwarz-Buch
Frage: Warum hat ver.di ein Schwarz-Buch Lidl veröffentlicht und kein Schwarz-Buch Aldi?
Antwort: Lidl ist ein besonders krasses Beispiel dafür, dass die meisten Discounter das Verkaufspersonal gnadenlos ausnutzen. Aldi nehmen wir uns als nächstes vor...
Frage: Was ist besonders schlimm?
Antwort: Das Klima der Angst, das von den vorgesetzten Verkaufsleitern geschürt wird. Die Bespitzelung bei so genannten Spätkontrollen, die mindestens einmal in der Woche stattfinden und wo sogar die PKWs der Beschäftigten kontrolliert werden, stellt sämtliche Lidl-Beschäftigte ständig unter einen generellen Diebstahlsverdacht.
Auffällig ist die gnadenlose Arbeitshetze an den Kassen und bei der Verräumung von Waren. Die Tatsache, dass wir niemanden gefunden haben, der/die seine Pausen-zeiten richtig in Anspruch nehmen kann, spricht für sich. Unbezahlte Mehrarbeit ist bei Lidl auch vor und nach der Ladenöffnung verbreitet, obwohl es von Zeit zu Zeit Anweisungen gibt, alle Überstunden aufzuschreiben. Nach unseren Erkenntnissen ist unbezahlte Mehrarbeit keinesfalls eine Ausnahmeerscheinung.
Besonders schlimm ist auch die Tatsache, dass langjährige Beschäftigte offenbar systematisch herausgedrängt werden, weil sie zu teuer geworden sind, und durch billigeres Personal (ungelernte Teilzeitkräfte und Mini-Jobber) ersetzt werden.
Frage: Wie repräsentativ ist die Darstellung im Schwarz-Buch?
Antwort: Wir haben mit weit über hundert Beschäftigten Gespräche geführt bzw. haben Informationen auf dem elektronischen bzw. traditionellen Postweg bekommen. Mehrere der Gesprächspartner waren Verkaufsleiter, also jeweils für 5 bis 6 Filialen zuständig. Viele unserer Zeugen waren als Springer eingesetzt. Das heißt sie haben in unterschiedlichen Läden gearbeitet – immer dort, wo gerade Not am “Mann” war. Auch die Filalleiter/innen, die uns Auskunft gaben, haben in der Einarbeitungszeit mehrere Filialen kennengelernt. Wir haben hochgerechnet, dass wir bei den Recherchen Details aus etwa 200 bis 250 Lidl-Filialen zwischen Kiel und München erfahren haben.
Frage: Warum kommen die meisten Zeugen/Zeuginnen nur anonym zu Wort?
Antwort: Die ehemaligen Lidl-Beschäftigten haben oft Vereinbarungen unterzeichnet, in denen mit Vertragsstrafen gedroht wird, falls sie über Details aus ihrem Berufsleben be-richten. Die noch bei Lidl tätigen Zeugen wären nicht mehr lange dort, wenn wir ihre Identität offenbaren würden.
Frage: Wie lässt sich charakterisieren, was Sie als System Lidl bezeichnen?
Antwort:Das System Lidl ist nach unseren Recherchen auf Angst und zum Teil unmenschlicher Arbeitshetze aufgebaut. Wir haben viele Zeugen gefunden, die bestätigen, dass unbequeme Leute gezielt aufs Korn genommen werden: Das geschieht über Test-käufe oder auch Versetzungen in recht weit enfernte Filialen. Bei Testkäufen werden nach übereinstimmenden Zeugenaussagen manchmal sogar Kolleginnen aus ande-ren Filialen eingesetzt. Das ist besonders perfide. Dann gibt es auch die Methode, Frauen mit einem recht langen Arbeitsweg kurzfristig nur für 4 Stunden einzusetzen bzw. sie sehr kurzfristig für Samstagsarbeit einzuplanen. Unbequem sind Leute, die das einfordern, was ihnen zusteht oder sich kritisch zu den Arbeitsbedingungen äu-ßern. Zum System Lidl gehört die noch immer extrem gewerkschafts- und betriebsratsfeindliche Unternehmenspolitik.
Frage: Lidl behauptet, wenn Überstunden nicht bezahlt würden, seien das nur Einzelfälle...
Antwort:Wir wissen, dass es von Zeit zu Zeit Anweisungen gibt, alle Überstunden aufzu-schreiben. Dies sind nach Zeugenaussagen Reaktionen auf die öffentliche Kritik von ver.di. Diese Anweisungen haben nach unseren Erkenntnissen aber nicht lange Be-stand, weil sie immer wieder ganz schnell an der inneren Logik des Systems Lidl scheitern.
Frage: Wie ist das zu verstehen?
Antwort: Die Vertriebsleitungen in den einzelnen Lidl-Vertriebsgesellschaften (etwa 20 mit jeweils 120 bis 150 Filialen) üben ständigen Druck auf die Verkaufsleiter aus, mit mög-lichst wenig Personal möglichst hohen Umsatz zu machen. Das unterscheidet sich erst einmal nicht von anderen Discountern, doch die Härte, mit der dieses Ziel reali-siert wird, ist nach unseren Informationen extrem.
Die Verkaufsleiter stehen in harter Konkurrenz zueinander, eine möglichst hohe Kennziffer für die Nettoleistung pro Verkaufsbezirk bzw. pro einzelner Filiale zu erreichen. (Die Nettoleistung ergibt sich, wenn man den Monatsumsatz durch die Zahl der verbrauchten Mitarbeiterstunden teilt). Das heißt, die Kennziffer für die Nettoleistung ist um so höher je weniger Stunden eingesetzt bzw. tatsächlich abgerechnet werden.
Die Verkaufsleiter, bei denen die Fluktuation übrigens sehr hoch ist, geben den Druck ihrerseits an die Filialbeschäftigten einschließlich der Filialleiter/innen weiter.
Wir haben keinen Lidl-Beschäftigten gefunden, der seine Pausen richtig machen kann. Viele leisten vor und nach Ladenöffnung unbezahlte Arbeit. Das trifft auch ganz besonders für die Filialleitungen zu. Dabei kann es sich um Minuten handeln oder auch um Stunden. Es gibt Produktivitätsvorgaben (Nettoleistung) die nur unter diesen Umständen zu schaffen sind.
Frage: Herr Gehrig hat in einem aktuellen Interview die Vorwürfe von ver.di zurückgewiesen....
Antwort:Es mag ja sein, dass Herr Gehrig viel von Betriebswirtschaft versteht, aber von Men-schenführung versteht er offensichtlich nichts. Das System Lidl beruht nach unseren Erkenntnissen auf Angst und gnadenloser Arbeitshetze: Pausen können nur bruchteilhaft genommen werden. Die Arbeitsanforderungen können in vielen Filialen bei chronischer personeller Unterbesetzung nur durch so genannte freiwillige Vor- und Nacharbeiten geschafft werden.
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Mittwoch 15. Dezember 2004
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Agnes Schreieder
Bernd Steinmann
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