Vom Scheitel bis zur Sohle: Druck, Druck, Druck
Leibeigene und Susanne haben schon auf einen Artikel hingewiesen, der letzte Woche im Spiegel erschienen ist. Unter dem Titel "System der Angst" beschreibt Spiegel-Autor Klaus-Peter Kerbusk, wie der Alltag von Verkaufsleitern bei Lidl aussieht: nicht gerade rosig, trotz eines mehr als ansehnlichen Jahresgehalts und privat nutzbarem Firmenwagens.
"Ausgequetscht wie eine Zitrone" habe er sich nach zwei Jahren bei Lidl gefühlt, so zitiert Kerbusk einen ehemaligen Lidl-Verkaufsleiter. Die Arbeitsbelastung von mitunter über 70 Stunden pro Woche sei enorm, der Umgangston ruppig. Das mache den meist direkt von der Uni weg Angeworbenen zu schaffen. Darüber hinaus seien es aber vor allem die ständigen Kontrollen der eigenen Mitarbeiter, mit denen viele der jungen Karrieristen nicht klar kommen. Der Druck, den die jungen Verkaufsleiter hinsichtlich Umsatzmaximierung und Kleinhaltung der Inventurverluste von oben bekämen, gäben viele direkt an ihre Mitarbeiter weiter. Einen Filialbeschäftigten als abschreckendes Beispiel zu kündigen, gelte als "Tipp" an Neueinsteiger.
Dass es immer einen Grund gebe, jemanden abzumahnen oder gar zu kündigen, beschreibt Kerbusk in dem Artikel recht anschaulich und zitiert einen ehemaligen Lidl-Marktleiter, der an einem Tag sieben Abmahnungen bekommen habe.
Lidl-Sprecher Thomas Oberle erklärt dies laut Spiegel-Artikel damit, dass manche "Jungmanager (...) mit der Verantwortung für bis zu 70 Mitarbeiter überfordert" seien. Sobald aber die Geschäftsleitung davon etwas mitbekomme, ziehe sie "sofort Konsequenzen"...
Der Artikel ergänzt aus einem anderen Blickwinkel das Bild, das bei Lidl beschäftigte Kolleginnen und Kollegen sowohl hier im Blog als auch in den beiden bisher erschienen Schwarz-Büchern zeichnen: Druck und Kontrolle statt vertrauensvoller Zusammenarbeit, permanente Leistungssteigerung statt ernst genommene Verantwortung für die eigenen Beschäftigten bestimmen das Betriebsklima, die Unternehmenskultur bei Lidl von der Chefetage bis in die Filiale.
Oft schon stellten hier im Blog Leute die Frage, ob es aus diesem System überhaupt einen Ausweg gibt. "Kündige doch!", ist eine beliebte Antwort, frei nach der Losung der Bremer Stadtmusikanten: "Kommt, Freunde! Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!" Jemand hat hier im Blog vorgeschlagen, dass einfach alle bei Lidl kündigen sollen. Gleichzeitig. Alle Läden blieben dicht. Interessanter Gedanke. Ich bezweifle zwar, dass eine kollektive Kündigung die Lösung ist. Besonders gefällt mir an diesem Gedanken aber die Erkenntnis, dass Dinge nur dann etwas bewirken, wenn man sie gemeinsam tut. Wenn man sich nicht gegeneinander aufbringen lässt, wo man nur gemeinsam stark sein kann.








