Lizenz zum Kassieren
In baden-württembergischen Filialen führt Lidl einen "Kassenführerschein" ein. Das hat unsere Schwarz-Buch-Autorin Gudrun GIESE recherchiert. Lest hier ihren Bericht:
Öfter mal was Neues, dachte man sich offenbar im Großraum Stuttgart-Göppingen bei Lidl - und führte im Mai einen "Kassenführerschein" ein. "Aufgrund der guten Leistungen an der Kasse", heißt es dort Schwarz auf Rosa, "speziell in folgenden Punkten - Ordnungsgemäßes Kassieren - Freundlichkeit - Produktivität/Kassiergeschwindigkeit erhält", es folgt der Name der Verkäuferin oder des Verkäufers, "die Erlaubnis, selbständig und im Sinne des Unternehmens LIDL am Kassenarbeitsplatz tätig zu sein."
Der "echte" Führerschein ist besonders wertvoll, weil er entzogen werden kann. Der Lidl-Kassenführerschein kann allerdings noch viel schneller fort sein als die Fahrerlaubnis. "Wer bei einem Testkauf etwas übersieht, weniger als 50 Produkte pro Minute über den Scanner zieht oder auch nur mal bei Stress vergisst, einem Kunden 'Guten Tag' zu wünschen, der soll für eine Woche den Führerschein verlieren", erzählt eine Lidl-Kollegin aus der Region. In dieser Zeit werde der/die Beschäftigte zu den schlechtesten Arbeiten im Laden eingeteilt. Anschließend erhalte er oder sie den Führerschein zurück, müsse aber an der ersten Kasse arbeiten und werde so bald wie möglich wieder kontrolliert. Sollte dabei nochmals ein Fehler entdeckt werden, drohe die erste Abmahnung, berichtet die Lidl-Verkäuferin.
Unklar ist im Moment, ob der Kassenführerschein derzeit ausschließlich im Großraum Stuttgart getestet wird oder ob Lidl parallel dazu auch in anderen Regionen dieses neue Disziplinierungsinstrument eingeführt hat. Die Kassiergeschwindigkeit ist tatsächlich auch in anderen Verkaufsgebieten auf fünfzig Scans pro Minute heraufgesetzt worden. Neue Kassensysteme, die den Barcode schneller erfassen würden als die Vorgängermodelle, sollen angeblich dieses beschleunigte Kassieren möglich machen. So wurde es zumindest den Beschäftigten in der baden-württembergischen Filiale erklärt, bei denen auch der Kassenführerschein eingeführt worden ist. "Die Angst nimmt weiter zu", sagt die Kollegin, die aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben möchte. "Der Druck an der Kasse ist ohnehin schon enorm, aber wenn nun auch noch der Entzug des Führerscheins, damit verbundene Abmahnungen und schließlich die Kündigung drohen, wird die Arbeit zum ständigen Horror."
Nach Veröffentlichung der beiden Schwarz-Bücher und zahlreicher Medienbeiträge berichteten etliche Lidl-Beschäftigte über "sanftere Töne" und weniger Druck in ihren Filialen. Nun scheint das Unternehmen wieder auf die bekannte härtere Gangart zurückschalten zu wollen. Die ver.di-Lidl-Kampagne muss und wird gegenhalten.














